Amma – die barmherzige Mutter

Amy Wilson Carmichael (die Autorin von Liebe findet ihren Weg) wurde in dem kleinen Dorf Millisle in Nordirland geboren, als Älteste von sieben Geschwistern einer presbyterianischen Familie. Ihr Vater starb, als sie 18 war. Schon als Jugendliche wurde sie die Gründerin der Welcome Evangelical Church, einer Gemeinde in Belfast. Die Geschichte dieser Gemeinde begann damit, dass Amy Mitte der 1880er Jahre eine Sonntagmorgen-Klasse für „Shawlies“ sammelte; das waren arme Arbeitermädchen (Mill Girls), die sich keine Hüte leisten konnten und darum Schals trugen. Amy hatte Mitleid mit diesen armen Mädchen und sammelte sie zunächst im Gemeindesaal der Presbyterianischen Rosemary-Street-Kirche. Ihre evangelistische Arbeit unter ihnen war sehr erfolgreich. Die Zusammenkünfte der „Shawlies“ wuchsen so sehr, dass Amy schließlich eine Halle mit Platz für 500 Personen benötigte, deren Bau durch eine Spende in Höhe von 500 £ von Miss Kate Mitchell und dazu die Spende eines Grundstücks von einem der Mühlenbesitzer ermöglicht wurde. Die erste Welcome Hall in Belfast wurde im Jahr 1887 errichtet und Amy arbeitete dort, bis sie 1889 nach Manchester gerufen wurde, um auch dort unter den Mill Girls zu arbeiten, bevor sie schließlich in die Missionsarbeit ging.

In vielerlei Hinsicht war Amy für die Missionsarbeit in Übersee ungeeignet. Sie litt unter Neuralgie, einer Nervenerkrankung, wodurch sie ständig Schwächegefühle und Schmerzen hatte. Oft war sie für Wochen bettlägerig. Bei der Keswick Convention 1887 hörte sie Hudson Taylor, den Gründer der China-Inland-Mission, über missionarisches Leben sprechen. Bald darauf war sie sich ihrer Berufung in die Missionsarbeit sicher. Sie bewarb sich bei der China-Inland-Mission und bereitete sich dann in London auf die Mission vor. Wegen ihres Gesundheitszustandes wurde sie allerdings für untauglich befunden, nach Asien zu gehen. Sie verließ darum die China-Inland-Mission und trat der Church Missionary Society bei, von der sie zunächst nach Japan ausgesandt wurde. Das Klima dort war für sie jedoch unerträglich, darum verließ sie Japan und fand (nach einer kurzen Dienstzeit in Sri Lanka) ihre Berufung in Indien, wo sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1951 blieb, ohne in diesen 56 Jahren auch nur einmal in ihre Heimat zurückzukehren.

In ihren ersten Jahren in Indien war Amy eine feurige und gesegnete Evangelistin. Zusammen mit indischen Helferinnen zog sie von Haus zu Haus durch die Dörfer, um mit den Frauen ins Gespräch zu kommen. Das Evangelisieren war ihre Leidenschaft – doch dann kam eine unerwartete Wende in ihr Leben. Bei ihren Reisen stieß sie immer wieder auf eine sehr finstere Seite Indiens. Sie entdeckte Tempelprostitution und Kinderhandel: Es gab Tempel-Kinder, junge Mädchen die oft mit nur fünf Jahren in den Tempel als Prostituierte gezwungen wurden, Geld für die Hindu-Priester zu verdienen (Devadasi, eigentlich Tempel-Tänzerinnen). Amys barmherziges Herz konnte da nicht tatenlos zuschauen. Sie merkte, dass Gott ihrem Dienst eine neue Richtung geben wollte: Statt zu evangelisieren, sollte sie einen Dienst der Barmherzigkeit an kleinen indischen Kindern in Angriff nehmen. Amy war sie gehorsam und gab ihre geliebte evangelistische Arbeit auf. Fortan bestand ihr Lebenswerk vor allem darin, kleine Kinder vor dem schrecklichen Elend des Tempeldienstes zu retten und sich um ihre weitere Pflege und Erziehung zu kümmern.

Die ersten von Amy aufgenommenen Mädchen.

Obwohl sie anfangs viel Widerstand erntete und vielen Gefahren gegenüberstand, blieb sie gehorsam auf dem neu eingeschlagenen Weg. Je mehr sie über das Elend der unschuldigen Kinder erfuhr, die in den Tempeln der indischen Götter missbraucht wurden, umso mehr brannte ihr barmherziges Herz mit Gottes Liebe und voller Empörung gegen dieses Unrecht. Ihre Berichte bewegten auch andere dazu, nach Dohnavur zu kommen – in dieses winzige Dorf an der entlegenen Spitze Südindiens, wo die Kinder ihr Zuhause gefunden hatten.

Von Anfang an war die von Amy gegründete Dohnavur-Gemeinschaft eine Familie, nie eine Institution. Amy war die Mutter, voller Liebe für alle – und von allen geliebt. Als die Familie wuchs, mehrten sich auch ihre Aktivitäten. Aus Kinderkrippen wurden Kinderheime, Schulen für alle Altersgruppen vom Kleinkind bis zum Teenager. Es entstand ein Milchviehbetrieb, Reisfelder, Obst- und Gemüsegärten wurden angelegt, Schneidereien, Küchen und Wäschereien eingerichtet, Werkstätten und Baubüros mit Teams von Bauarbeitern, Zimmerleuten und Elektrikern kamen hinzu. Aus den kleinen Anfängen, die auf eine barmherzige Frau und ein bedrohtes Kind zurückgingen, wurde über die Jahre ein mustergültiges Dorf, komplett mit eigenen Einrichtungen ausgestattet – sogar mit einem Krankenhaus zur Versorgung der Kranken und zur Verkündigung des Evangeliums an die Tausenden aus den Dörfern, die hier Hilfe suchten. Die Geschichte ihres eigenen Lebens und das Vermächtnis ihrer Schriften inspirieren noch heute Menschen auf der ganzen Welt.

Heute wird die Dohnavur-Gemeinschaft von einheimischen Christen geleitet. Etwa 500 Menschen leben dort; etwa ein Fünftel von ihnen sind pensionierte Hausmütter, die im Laufe der Jahre 40 oder mehr Kinder aufgezogen haben. Zeitweise war die Familie auf über 1.000 Personen angewachsen.

Amys Werk wird noch heute im gleichen Geist der Liebe, des Gehorsams und der Barmherzigkeit fortgeführt, und obwohl der Schwerpunkt der Arbeit von Dohnavur in der Aufnahme bedürftiger Kinder liegt, ist es kein Waisenhaus. Vielmehr ist es eine Familie. Die einzelnen Kinder werden als Familienmitglieder aufgenommen und tragen allen denselben Familiennamen: Carunia – tamilisch für „Liebevolle Güte“. Amys Erbe war es, sich ganz dem Herrn Jesus hinzugeben, nicht ein Leben in Bequemlichkeit zu führen, sondern das Leben für andere hinzugeben. Im Jahr 1931 war Carmichael nach einem Sturz ans Bett gefesselt. An der Verletzung und deren Folgen hatte sie bis zu ihrem Tod zu leiden. Sie starb in Indien 1951 im Alter von 83 Jahren; und sie bat darum, keinen Grabstein zu bekommen, sondern eine Vogeltränke mit der Aufschrift „Amma“ – in Tamil „Mutter“.

Lesen Sie Amys Buch „Liebe findet ihren Weg“:

Die Geschichten der drei Mitkämpferinnen der Missionarin Amy Carmichael. Ponnamal, Mimosa und Arulai erleben die Kraft und die Liebe Jesu Christi angesichts der Bedrohung durch die Götter Südindiens und wagen es, den Zwängen der heidnischen Traditionen ihres Landes die Stirn zu bieten.

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